Kinderrechte und pädagogische Beziehungen

Kinderrechte sind ein bisher in seiner individuellen und gesellschaftlichen Bedeutung wenig beachtetes Thema. Die Konferenz „Kinderrechte und die Qualität pädagogischer Beziehungen - Professionelles Handeln zwischen Inklusion und Exklusion in Schulen, Kindertageseinrichtungen und außerschulischen Bildungsbereichen“ des Deutschen Jugendinstituts (DJI), des Deutschen Instituts für Menschenrechte (DIM) und des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) gab zahlreiche Impulse.

Schirrmherrin Christine Bergmann
Christine Bergmann, Schirrmherrin der Veranstaltung, sprach das Grußwort© Annett Hedderich

Rio de Janeiro. In nahezu 900 Slums leben rund zwei Millionen Menschen der sechs Millionen Einwohner starken brasilianischen Metropole. Die Kinder, Tausende von ihnen leben als Straßenkinder, sind fast täglich Stresssituationen und Gewalt ausgesetzt. Zwangsläufig entwickeln die meisten von ihnen traumatische Störungen, die sich in zahlreichen Symptomen niederschlagen. Wie können diese Kinder lernen? Wie können sie einem Unterricht folgen? Ist dies überhaupt möglich? Yvonne Bezerra de Mello, Bildhauerin, Schriftstellerin und Menschenrechtlerin, die seit 35 Jahren mit Straßenkindern in Afrika und dann in ihrer Heimat Rio arbeitet, ist davon überzeugt. Seit 20 Jahren bietet sie mit dem „Projeto Uere“ (Projekt Kinder des Lichts) Kindern einen Schonraum, in welchem diese lernen können. Inzwischen gibt es in Rio 150 Schulen und in Recife im Nordwesten Brasiliens weitere 50 Schulen, in denen mit der „Uerê-Mello“-Pädagogik für Kinder in riskanten Lebenslagen gelernt wird.

Yvonne Bezerra de Mello fasst wichtige Erkenntnisse über die Art, wie in ihren Schulen gelehrt und gelernt wird, so zusammen: „Wir arbeiten sehr viel mit mündlichen Übungen, mit denen die Kinder ihre Sprache entwickeln können. Erläuterungen im Unterricht dauern höchstens 15 bis 20 Minuten. Danach findet jeweils ein Methodenwechsel statt. Der Unterricht, gleich welchen Faches, wird in drei Momente geteilt – den mündlichen, den der Interaktion und den des Schreibens. Eine Routine von Übungen, insbesondere Gedächtnisübungen, die neue Wege der Visualisierung, Aufgabenbewältigung und Gefühlsäußerung aufzeigen, helfen dabei.“ Ihre Botschaft lautet: Die Umstände können noch so schwierig sein, ein erfolgreiches Lernen ist möglich.

Vom Ideal noch weit entfernt

Lernen in einer Umgebung, in der die Menschenrechte nur auf dem Papier existieren, waren sicherlich ein extremes Beispiel auf der Konferenz „Kinderrechte und die Qualität pädagogischer Beziehungen - Professionelles Handeln zwischen Inklusion und Exklusion in Schulen, Kindertageseinrichtungen und außerschulischen Bildungsbereichen“, die unter der Schirmherrschaft von Bundesministerin a.D. Dr. Christiane Bergmann am 3. und 4. Oktober 2013 in der Universität Potsdam stattfand und auf großes Interesse traf: Mit 400 Teilnehmenden war die Tagung ausgebucht.

Annedore Prengel
Annedore Prengel bei der Eröffnung des Kongresses© Annett Hedderich

In ihrem Grußwort führte Prof. Annedore Prengel aus, was sich wie ein roter Faden durch die Konferenz ziehen sollte. Die Erziehungswissenschaftlerin, die die Konferenz initiiert hatte, konstatierte: „Kinder und Jugendliche brauchen liebevolle Beziehungen, um sich körperlich, seelisch und geistig gut zu entwickeln. Die Bindungsforschung belegt, dass Feinfühligkeit der Erwachsenen eine Bedingung gelingenden Aufwachsens ist, und die qualitative Schulforschung kommt in einer Fülle von Studien zu dem Ergebnis, dass schülerfreundliche Unterstützung gute Leistungen ermöglicht.“

Von diesem Ideal sei man allerdings noch weit entfernt. Das Intakt-Projekt der Universität Potsdam, bei dem 15.000 Interaktionsszenen an 300 Tagen in 120 Schulen gesammelt und ausgewertet wurden, zeige, dass rund ein Viertel aller Interaktionen von Lehrkräften als verletzend gewertet werden müsse. „In den Feldvignetten wird direkt körperlich sichtbar, wie Kinder auf Beschämungen, Ignoranz und Anbrüllen reagieren, und alle verletzten Kinder sind erkennbar beim Lernen blockiert. Anerkennung hingegen fördert Lernaktivitäten“, führte die emeritierte Professorin aus. „Es gehört dabei auch zur Verantwortung der Lehrenden, dass die Schülerinnen und Schüler sich gegenseitig keine psychischen Verletzungen zufügen.“

Anerkennung – notwendig und ambivalent

Laut Prof. Beate Rudolf, Direktorin des DIM, muss der Lernraum so strukturiert sein, dass ebenfalls „Anerkennung möglich ist“. Die UN-Kinderrechtskonvention, die auch das Recht auf Bildung mit dem Ziel der Persönlichkeitsentwicklung, der Entfaltung von Talenten und des Potentials geistiger und körperlicher Fähigkeiten gewährleistet, müsse die Grundlage allen pädagogischen Handels bilden. „Dazu ist es notwendig, die Menschenrechte auch zu einem Teil der Lehrerausbildung zu machen und dabei über die eigenen Werte zu reflektieren“, erklärte die Rechtswissenschaftlerin. „Außerdem sollten die Menschenrechte auch in allen Fächern vermittelt werden.“

Kongressbroschüre
Die Kongressbroschüre© Annett Hedderich

Für Prof. Bernhard Kalicki vom DJI besitzt das entwicklungsfördernde Erziehen „überdauernde Merkmale: Nähe, Fürsorge, Herausforderung und Autonomieförderung“. Kinder und Jugendliche profitierten davon, wenn die Erziehungsaufgabe souverän wahrgenommen werde. „Autonomie zu erleben und sozial eingebettet zu sein, sind für die Heranwachsenden zentrale Erfahrungen“, so der Psychologe. „Die Qualität des Erziehens ist abhängig vom psychologischen Wohlbefinden der Person. Zur gesellschaftlichen Verantwortung für das Aufwachsen von Kindern zählt daher unbedingt auch die Unterstützung und Entlastung von Eltern und pädagogischen Fachkräften.“

Über „Anerkennung in der Kindheit und Lebenslanges Lernen“ sprach Prof. Joachim Ludwig von der Universität Potsdam. Für ihn ist Anerkennung das zentrale Stichwort in pädagogischen Beziehungen: „Wer nicht anerkannt wird, empfindet sich als ausgeschlossen. Anerkennung ist daher eine Bedingung, dass Lernen gelingen kann.“ Der Schulforscher Prof. Werner Helsper von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg verwies auf Ambivalenzen in der Schule: „Die Anerkennung in Schüler-Lehrer-Beziehungen stößt im schulischen Raum, in dem es um sachbezogene Vermittlung geht und in dem eine strukturelle und konstitutive Asymmetrie, ein Machtgefälle in den Beziehungen, herrscht, an Grenzen.“

Prof. Sabine Andresen von der Goethe-Universität Frankfurt stellte in ihrem Vortrag die Präventionsmaßnahmen im Kinderschutz – derzeit ein wichtiges Thema in allen pädagogischen Handlungsfeldern – anhand von Interviews mit Kindern vor. Prof. Werner Thole von der Universität Kassel diskutierte schließlich am Beispiel der Sozialpädagogik zentrale Merkmale der Professionalisierung und der Qualität pädagogischer Beziehungen – von der Interaktion bis zum professionellen Wissen. Betont wurde in allen Beiträgen, dass in pädagogisches Handeln immer auch eigene biografische Erfahrungen der Pädagoginnen und Pädagogen einfließen, die diese sich bewusst sein müssten, um angemessen zu handeln.

Videoanalysen helfen, Lehrpraktiken zu verändern

Robert Pianta
Gast aus den USA: Robert Pianta© Annett Hedderich

Methoden, um Lehrkräfte für den Umgang mit den Schülerinnen und Schülern zu sensibilisieren, wurden auf der Tagung präsentiert. Robert C. Pianta, Dekan der Curry School of Education und Gründungsdirektor des Center for Advanced Study of Teaching and Learning an der University of Virginia in den USA, stellte die CLASS-Methode vor. CLASS („Classroom Assessment Scoring System“) ist ein Instrument zur Beobachtung und Auswertung der Qualität von Interaktionen, das helfen soll, den Lehrerberuf weiterzuentwickeln, indem die Leistungen und die Effektivität der Lehrenden beobachtet und ausgewertet werden. Dies wird mit Hilfe von Videoaufnahmen im Klassenzimmer erreicht. Die Lehrerinnen und Lehrer sehen sich die Aufnahmen an, um ihre Arbeit zu reflektieren und sprechen dann mit den Beobachtern darüber. Im Internet werden die Ausschnitte kommentiert aufbereitet.

„Das Coaching verbessert sichtbar die Interaktionen der Lehrenden, besonders Kinder aus einkommensschwachen Familien profitieren davon“, berichtete Pianta. „Die Lehrerinnen und Lehrer verändern ihre Einstellungen, ihr Wissen, ihre Fähigkeiten und ihre Praktiken.“ Eine bessere Interaktion im Klassenzimmer könne trainiert werden und habe für die Lernenden positive Folgen: Sprachverständnis, Sprachentwicklung, Lernbereitschaft und Selbstregulation der Kinder verbesserten sich.

In Deutschland setzt das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung in der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften auf Videoanalysen zur Verbesserung der Lehrqualität, wie Prof. Josef Schrader erläuterte. „Wir versuchen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Kurse dabei zu unterstützen, dass sie situativ-kooperativ im Unterricht zu handeln lernen und Situationen im Unterrichtsgeschehen differenziert wahrnehmen. Sie sollen verstehen, dass es darum geht, die Lernprozesse von Anderen zu unterstützen.“ Dies gelingt Schrader zufolge – die Pädagoginnen und Pädagogen gewinnen durch die Diskussion über Unterrichtshandeln an Sicherheit.

Ombudsstellen für Kinderrechte

Podiumsdiskussion
Der Kongress endete mit einer Podiumsdiskussion© Annett Hedderich

Unter der Moderation von Prof. Claudia Lohrenscheit kamen zum Ende der zweitägigen Konferenz engagierte Vertreterinnen und Vertreter der Kinderrechte in einer Podiumsdiskussion über „Handlungsperspektiven“ zusammen, darunter Marianne Demmer von der GEW, Oggi Enderlein von der „Initiative Große Kinder“, Prof. Dr. Jörg Maywald von der „National Coalition für die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland und Dr. Peter Kirchschläger vom „International Human Rights Forum“ Luzern.

Prof. Lothar Krappmann, der viele Jahre am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung zur sozialen und moralischen Entwicklung von Kindern geforscht hat und Deutschland von 2003 bis 2011 im UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes vertrat, forderte zum Abschluss der Konferenz die Einrichtung von Ombudsstellen, institutionalisierte Instrumente und wirksame Beschwerdeverfahren, um das Recht der Kinder und Jugendlichen auf Respekt in pädagogischen Beziehungen zu gewährleisten. Dabei sei auch zu bedenken, dass „Inklusion nicht nur Barrierefreiheit ist“, wie der Erziehungssoziologe zum Abschluss mahnte.

 

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