Appel: "Schulträger werden Motor der Ganztagsbewegung"

Als Grundlage der Ganztagsschulentwicklung in Deutschland lobt der Vorsitzende des Deutschen Ganztagsschulverbandes die Bundesförderung IZBB. Sie habe die große Welle ausgelöst, sagt Stefan Appel anlässlich des Kongresses "Ganztagsschule: Lebens- und Lernwelten" (16. bis 18. November in Erfurt) im Gespräch mit www.ganztagsschulen.org. Inzwischen aber seien viele Schulträger in die Rolle des Motors geschlüpft.

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl und spricht.

Online-Redaktion: Kürzlich haben Sie gesagt: "Nicht überall, wo Ganztagsschule dransteht, ist auch Ganztagsschule drin." Nahezu jede zweite deutsche Schule hat den Ganztag eingeführt - in wie vielen ist auch Ganztag drin?

Stefan Appel: Das kann niemand so richtig genau sagen. Die Zählung scheitert daran, dass keine einheitlichen Kriterien existieren, die die Ganztagsschule definieren. Die große Ganztagsschulwelle, die glücklicherweise durch die Bundesförderung (IZBB-Mittel) entstanden ist,  wird bislang ja im Wesentlichen durch die offenen Modelle der Grundschulen getragen. Und allein da gibt es ganz hervorragende Modelle, aber auch solche, die sich Ganztagsschule nennen, nur weil sie eine Cafeteria eröffnet haben. Der Vorteil der offenen Ganztagsschulen ist, dass über ihre Qualität Jahr für Jahr sozusagen durch die Schüler und ihre Eltern mit den Füßen abgestimmt wird. Ist die Schule gut, sind die Anmeldelisten voll, wenn nicht, dann bleiben sie leer.

Online-Redaktion: Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit man Ihrer Meinung nach von Ganztagsschule reden kann?

Appel: Eine Ganztagsschule muss voll ausgebaut sein und den Schüler/innen ein  professionelles, warmes Mittagessen und keinen Snack servieren. Sie muss professionelle Hausaufgabenbetreuung, am besten durch Pädagog/innen, anbieten.  Sie muss über einen professionell eingerichteten Freizeitbereich verfügen. Sie muss Kurse für leistungsstarke und -schwache Schüler/innen einrichten und sich zudem um Freizeit-, Konsum- und Medienerziehung von Kindern und Jugendlichen kümmern.

Online-Redaktion: Die Rhythmisierung des Schultages gehört nicht dazu?

Appel: Nein, zumindest die äußere Rhythmisierung kann man nur bei gebundenen Ganztagsschulen erwarten. In allen offenen Modellen ist es wichtig, dass die Schule an den Nachmittagen kindergerechte und anregende Angebote vorhält. Die Angebote nach dem Unterricht müssen zahlenmäßig mehr und vor allem vielfältiger angelegt sein, also etwas anderes sein als ein "Waggon mit Abteil Betreuung", der an den "Zug Schule" angehangen wird.

Online-Redaktion: Es gibt Stimmen, die klagen, der Ganztag sei erforderlich, um erzieherische Defizite in Familien auszugleichen.

Appel: Natürlich müssen Lehrer/innen auch erziehen, das gehört zum Pädagogenberuf dazu. Das gilt aber unabhängig davon, was in den Familien geschieht. Die Schule wird bei ganztägiger Konzeption doch zur Lebens- und Lernwelt von Kindern und Jugendlichen. Wenn sie zu verwissenschaftlicht wird, bleibt keine Zeit, Vertrauen und Nähe zu den Kindern aufzubauen. Fehlen diese Bezüge, lernen die Kinder nicht intensiv und nachhaltig genug. Das Schulklima ist ganz entscheidend. Wenn man den ganzen Tag zusammen verbringt, muss beides gelingen - Wissensvermittlung und Erziehung.

Online-Redaktion: Aber nur, wenn sich Lehrer/innen, die Personen anderer pädagogischen Professionen und die der außerschulischen Kooperationspartner als Team verstehen?

Appel: Natürlich muss auch dieses Zusammenwirken funktionieren. Wir plädieren als Ganztagsschulverband dafür, das Personal an Ganztagsschulen mit einem Mehr von 30 Prozent (gegenüber Halbtagsschulen) vorzusehen.  Die Zuwendung sollte zum einen aus Lehrkräften und zum zweiten aus Personal anderer pädagogischen  Professionen bestehen (z. B. Sozialarbeiter/innen, Erzieher/innen). Für den dritten Teil der Personalausstattung sollte ein  Budget zur Verfügung stehen, um andere Kooperationspartner (Übungsleiter/innen aus Vereinen, Musiker, Künstler etc.) engagieren zu können.

Online-Redaktion: Woher soll das Geld kommen?

Appel: Da sollten Bund, Länder und Kommunen ihren Schwerpunkt der Haushaltspolitik setzen. Elternbeiträge müssen tabu sein - sonst droht wieder die soziale Schere.

Online-Redaktion: Doch da sind die Kassen auch leer.

Appel: Und trotzdem bin ich überzeugt, dass das eine Frage der Prioritäten ist. Nehmen wir das Beispiel Saarbrücken. Es belegt, dass immer mehr Schulträger die Bedeutung von Bildung und Ganztag erkannt haben und initiativ werden. Dort werden alle Grundschulen zu gebundenen Ganztagsschulen ausgebaut. Der Schub des Ausbaus der Ganztagsschulen lässt nicht nach, er ist politisch von nahezu allen Parteien in der Bundesrepublik gewollt und die Schulträger - das ist die neue interessante Entwicklung - werden zu seinem Motor.

Online-Redaktion: Die Entwicklung verläuft in den Kommunen und den Ländern sehr unterschiedlich. Schadet der Föderalismus?

Appel: Heute kann man das manchmal wieder so sehen. Aber ich bin sicher, wir wären ohne den Föderalismus nicht soweit wie wir sind. Die Zeiten liegen noch nicht so lange zurück, da fürchteten manche Bundesländer, der Ausbau des Ganztags diene der flächendeckenden Einführung der Gesamtschulen. Das wollte man nicht mitmachen. Dank Föderalismus konnten in dieser Zeit andere Bundesländer ihre Ganztagskonzepte entwickeln und umsetzen. Das löste die entscheidenden Impulse aus. Inzwischen diskutiert kein Bundesland mehr über die Frage, ob der Ganztag sinnvoll ist. Es geht nur noch um die Fragen der Menge der Ganztagsplätze und der notwendigen Ausgestaltung in den Schulen.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielte die Vergleichsstudie PISA für die Akzeptanz der Ganztagsschule?

Appel: Keine Frage - sie spielte eine, aber nicht die entscheidende. PISA hat uns schmerzlich bewusst gemacht, dass sich die deutsche Schule ändern muss. Entscheidend aber war in der Entwicklung der Ganztagsschulszene etwas anderes, das ins gleiche Jahr wie die PISA-Veröffentlichungen  fiel - die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz. Dort gewann Kurt Beck, wie viele meinten, die Wahl durch das Thema Bildung mit der Ankündigung des massiven Ausbaus von Ganztagsschulen. Damit hat er den Nerv der Menschen, ja der Eltern getroffen. Und das hat man, so hieß es später, im Kanzleramt durchaus aufmerksam verfolgt und aus diesem Grunde - so die Spekulation - sei vor der anstehenden Bundestagswahl die IZBB-Bundesförderung zustande gekommen. Wie auch immer! Heute können wir alle nur über den Schub zur Ganztagsschule froh sein - wer hätte vor zehn Jahren ernsthaft gedacht, dass wir eine derartige Entwicklung erleben würden. Wenn jetzt noch die Lehreraus- und -fortbildung entsprechend angepasst wird, der Schulbau differenzierter und kindergemäßer im Sinne des Ganztags sowie die inhaltliche Gestaltung des Freizeitbereichs konzeptionell weiterentwickelt werden, blicke ich optimistisch in die Zukunft.

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