Enderlein: "Ganztagsschule kann die Welt der Kinder einbeziehen"

Ganztagsschulen können die Welt der Kinder einbeziehen und mehr Raum und Zeit für die Lebensbedürfnisse einräumen, die mit einer guten gesunden sozialen, emotionalen und körperlichen Entwicklung zusammenhängen. Davon ist die Kinder- und Jugendpsychologin und wissenschaftliche Beraterin im Programm "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" Oggi Enderlein überzeugt.

Porträtfoto von Dipl. -Psych. Oggi Enderlein

Online-Redaktion: Die Forderung wird immer lauter, Schule müsse sich den Bedürfnissen der Kinder anpassen und nicht umgekehrt. Was brauchen Kinder?

Oggi Enderlein: Das ist eine Frage der Perspektive. Manche Erwachsene stellen Fragen, wie: Was brauchen Kinder, um einen guten Abschluss zu kriegen, was brauchen sie, damit bei Bildungsstudien wie PISA bessere Ergebnisse erzielt werden, was ist nötig, damit Betreuung und Erziehung gelingt? Das aber sind nicht die Fragen der Kinder. Für mich ist entscheidend, was Kinder für ihre gesunde körperliche, geistige, emotionale und soziale Entwicklung brauchen. Was Kinder in der Schule benötigen, muss von ihnen her gedacht werden.

Online-Redaktion: Werden Kinder danach gefragt?

Enderlein: Kinder drücken ihre Belange und Bedürfnisse auf ihre Weise aus, und sie sind oft viel fähiger, an der Gestaltung ihres Lebens - auch in der Schule - teilzunehmen, als viele Erwachsene denken. Dennoch sind sie bis etwa zum 12. Lebensjahr noch nicht in der Lage, ihre Situation aus einer höheren Perspektive, sozusagen "von außen" zu sehen. Probleme artikulieren sie oft eher indirekt, zum Beispiel durch Widerspenstigkeit, Unaufmerksamkeit, manchmal auch Aggressivität, Schlafstörungen oder Kopfschmerzen.

Schülerinnen und Schüler auf einem Schulhof beim Spielen.

Online-Redaktion: Was bedeutet das für Erwachsene und somit auch Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher?

Enderlein: Sie müssen versuchen, die Signale des Kindes zu verstehen und zu erkennen, was das eine Kind braucht und was das andere.

Online-Redaktion: Wie gelingt das?

Enderlein: Das ist Pädagogik. Das kann man lernen. Doch dafür benötigen wir eine noch bessere Lehrerausbildung. Pädagoginnen und Pädagogen müssen in der Lage sein, auf eine Konzentrationsstörung nicht schimpfend zu reagieren, sondern rauszufinden, was los ist. Hat das Kind zu wenig Schlaf? Hat es Probleme zuhause? Hat es zu viel Computer gespielt oder Fernsehen geschaut? Hat es zu wenig Bewegung? Oder vielleicht einfach Hunger? Oder passt der Unterrichtsinhalt gerade nicht zum Lernstand und Interesse? Die Antworten auf solche Fragen werden helfen, zu erkennen, weshalb ein Kind unkonzentriert ist oder nicht richtig mitdenken kann im Unterricht. Lehrerinnen und Lehrer brauchen mehr diagnostische Kompetenz, und sie benötigen unter Umständen auch mehr Unterstützung von Psychologen. Wichtige Hinweise über das, was Kinder umtreibt und beschäftigt, können auch die Erzieherinnen und Erzieher in den Ganztagsschulen liefern, weil sie die Kinder in einer freieren Situation beobachten können als Lehrerinnen und Lehrer im herkömmlichen Unterricht. Pädagogische Mitarbeiterinnen in Ganztagsschulen sind oft wertvolle Dolmetscher zwischen den Belangen der Kinder und den Erwartungen der Erwachsenen.

Online-Redaktion: Wie bewerten Sie die durch den 13. Kinder- und Jugendbericht festgestellte Zunahme von psychosomatischen Erkrankungen sowie Verhaltens- und Schulproblemen?

Enderlein: Das sind Hilferufe. In der Altersgruppe der 11- bis 14-jährigen werden Methylphenidate (z.B. Ritalin) inzwischen häufiger verschrieben als Mittel gegen Erkältung. Das geht aus dem 13. Kinder- und Jugendbericht hervor. Der Druck, Kinder dem Schulsystem anzupassen, ist größer geworden. Auch früher waren Schulstunden für die Kinder nicht immer ein Vergnügen. Aber nach der Schule hatten sie in der Regel noch Freiräume, um weitgehend unbeaufsichtigt gemeinsam mit anderen Kindern die Welt im Umfeld des Elternhauses zu erkunden, um sich zu bewegen, Spiele zu erfinden, sich zu streiten und zu vertragen. Dabei haben sie viel gelernt und den Kopf frei gekriegt.

Kinder und Lehrerin beim gemeinsamen Lernen mit farbigen Würfeln.

Online-Redaktion: Ist das nicht sogar eher ein Argument gegen mehr Schule, sprich den Ganztagsbetrieb?

Enderlein: Nein, denn diese Möglichkeit, frei die "Welt" zu erkunden,  haben heute ohnehin immer weniger Kinder. Für Kinder, die dem Spielplatz mit Sandkasten und Rutschbahn entwachsen sind, ist es nicht mehr attraktiv, rauszugehen - es gibt für sie keine altersgerechten Aktionsräume wie die Straße mehr. Und es hat sich in vielen Familien eingebürgert, dass Kinder von einem Termin zum anderen gehetzt werden. Kinder möchten das oft auch von sich aus, aber in erster Linie, weil sie dort andere Kinder treffen. Ein weiteres Argument ist die demografische Entwicklung. Es gibt nicht mehr so viele Kinder. Und die meisten  haben allenfalls einen Bruder oder eine Schwester, oft in großem Altersabstand. Darum fällt die Antwort von Jungen und Mädchen auf die Frage, ob sie gerne zur Schule gehen, oberflächlich betrachtet so widersprüchlich aus. Denn einerseits haben viele Kinder Angst, in der Schule Fehler zu machen und erleben mit steigender Klassenstufe Schule als langweilig. Aber fragt man: "Gehst Du gerne dorthin?", antworten die meisten trotzdem mit: "Ja, aber nicht wegen des Unterrichts, sondern weil ich dort andere Kinder treffe." Schule ist offenbar der einzige Ort, in dem sich Kinder heute noch täglich in einem sicheren Rahmen und verlässlich mit anderen treffen können.

Online-Redaktion: Ganztagsschule bietet also doch eine Chance, Schule aus Sicht von Kindern zu gestalten?

Enderlein: Wir müssen Schule umdenken. Weg vom reinen Lernort zur Lebenswelt. Hier sollen Kinder und Jugendliche natürlich auch Wissen und Können erwerben. Aber sie müssen auch Zeit haben, sich und die Welt unbeaufsichtigt zu erkunden. Ein Kinderrecht lautet, dass  Kinder auch Anspruch darauf haben, mal für sich zu sein. Die Angst vor einer Aufsichtsverletzung hindert Lehrer, Kindern diesen Freiraum zu lassen. Diese Blockade im Kopf sollte überwunden werden.

Online-Redaktion: Das klingt sehr nach freier Erziehung ohne viele Regeln.

Enderlein: Ich bin keinesfalls für Regellosigkeit. Aber Kinder brauchen erstens Gelegenheit, um sich eigenständig zu bewegen, ihre Geschicklichkeit zu üben und Körpererfahrung zu sammeln. Sie brauchen zweitens die Gelegenheit, eigenständig mit anderen Kindern die Welt rund um Familie und Schule zu erkunden. Sie benötigen drittens den Austausch, die Begegnung und Auseinandersetzung mit anderen Kindern und gleichzeitig die Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Und viertens benötigen sie Zeit und Raum, sich Wissen und Können anzueignen. Für diese Grundbedürfnisse brauchen Kinder einen klaren, verlässlichen, Halt gebenden Rahmen. Dafür sind die Erwachsenen zuständig. Dieser Rahmen und auch Erziehung bedeuten aber nicht, ständig zu sagen: "Du musst" oder "Du darfst nicht". Vielmehr sollten Regeln auch ausdrücken, was erlaubt ist, etwa in dem Sinn: "Du kannst das, was du willst, nicht hier machen, aber dort, nicht jetzt, aber dann, nicht mit diesem, aber mit jenem."  

Online-Redaktion: Was können Ganztagsschulen dazu beitragen?

Enderlein: Sie bieten die große Chance, andere Lernkonzepte und Umgangsformen umzusetzen. Sie können die Welt der Kinder einbeziehen und mehr Raum und Zeit für die Lebensbedürfnisse einräumen, die mit einer guten gesunden sozialen, emotionalen und körperlichen Entwicklung zusammenhängen. Sie können die Kinder besser und intensiver bei der Gestaltung ihrer Lern-  und Lebenswelt beteiligen. Wenn sich Kinder im wörtlichen und im übertragenen Sinn in der Ganztagsschule "gefragt" fühlen, geht es ihnen generell besser. Und wenn sich Kinder in der Schule wohl fühlen, tut das im Endeffekt auch den Erwachsenen in Schule und Familie gut. Und dann sind auch die Lernergebnisse und die sozialen Kompetenzen besser.

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